ODYSSEE DER ARMUT (1880 bis 1900)


Am 10. Januar 1880 kommt Charles Adrien Wettach im Moulin de Loveresse zur Welt.
Er wiegt stramme 4,5 Kilo und ist das erste Kind von Cécile und Jean Adolphe Wettach-Péquegnat, das nicht schon kurz nach der Geburt stirbt. Sein Vater arbeitet im nahen Reconvillier als Uhrmacher, doch den verhinderten Trapezkünstler, leidenschaftlichen Turner, Gitarrenspieler und Jodler hält es nie lange an einer Werkbank und an einem Ort. So zieht die Familie Wettach mit dem kaum einjährigen Adrien zuerst nach La Neuveville am Bielersee, wo seine Schwester Jeanne geboren wird, dann ins benachbarte Le Landeron, dem Geburtsort von Fanny, und danach weiter nach Le Locle, der Uhrenmetropole im Neuenburger Jura.

Uhrmacher Adolphe Wettach wird Wirt in Col-des-Roches.
Im Café National spielen Adriens Eltern oft zusammen Gitarre und singen dazu eigene Lieder. Im Saal steht auch ein Klavier, auf dem Adrien begeistert herumklimpert. Er entpuppt sich als äusserst musikalisch und darf gelegentlich Klavierstunden nehmen. Als eines Tages der Zirkus Wetzel ins Dorf kommt, schleicht sich der mittlerweile achtjährige Adrien ins Zelt und ist ungemein fasziniert von dem, was er dort in der Manege zu sehen bekommt. Von nun an übt er verbissen Handstand, Salto und allerlei andere Kapriolen. Vater Wettach ist jedoch zu gutmütig und als Geschäftsmann zu wenig begabt, sodass er wieder Arbeit als Uhrmacher suchen muss. 1890, kurz nach der Geburt der kleinen Cécile, und zieht er mit seiner Familie nach Biel.

Adriens erster Auftritt im «Paradiesli».
Auch bei Brandt & Cie, der späteren Omega, hält es der Vater nur zwei Jahre aus, dann übernimmt er das Restaurant «Paradiesli» in der Nähe des Bielersees. Bald tritt dort Adrien zusammen mit seiner Schwester auf und zeigt den Gästen seine Kunststücke. Täglich übt er als Akrobat und Schlangenmensch, steigt aufs hohe Seil und spielt ausser Klavier bereits auch Geige, Flöte und einige selbst gebastelte Instrumente aus Flaschen und Töpfen. Beim Versuch, auf einem im dritten Stock gespannten Seil ohne Netz den Bieler Neumarkt-Platz zu überqueren, stürzt er kurz vor dem Ziel, kann sich aber am Seil festklammern und sich bis zum rettenden Fenster hangeln.

Not und Elend in der Uhrenregion.
Nach seinem Konkurs mit dem «Paradiesli» übernimmt Vater Wettach in Villeret das «Hotel du Cerf», doch schon kurze Zeit später zieht die Familie nach Malleray. Dort beginnt der 15-jährige Adrien eine Lehre als Uhrmacher, hat aber nach nur sechs Wochen bereits genug. Zuerst schlägt er sich als Kellner durch, dann wagt er mit seiner Schwester Jeanne seine erste Tournee nach Bern, Zürich, St. Gallen und Solothurn. Sie wird ein Misserfolg, und die beiden Jugendlichen kehren enttäuscht nach Hause zurück. Die Zeiten sind schlecht, die Uhrenregion ist von der Wirtschaftskrise besonders hart betroffen, die Familie Wettach gerät ins Elend. Vater und Sohn suchen ihr Glück wieder in Biel, wo Adrien als Dieb erwischt wird und nicht zum ersten Mal auf dem Polizeirevier landet.

Neuer Anfang in Ungarn.
Mutter Wettach macht sich grosse Sorgen um ihren Ältesten. Sie sucht für ihn und seine Schwester darum eine Anstellung möglichst weit weg von Biel: Am 4. Juli 1897 steigen der 17-jährige Adrien und die 16-jährige Jeanne mit 4 Franken Taschengeld in den Zug Richtung Ungarn und fahren einer ungewissen Zukunft entgegen. Auf Gut Maros-Gesze in Transsilvanien soll Adrien den drei Söhnen des Grafen Bethlen Kalman täglich rudimentären Französisch-Unterricht erteilen und sie ansonsten beim Tennis, zum Ausritt und auf die Jagd begleiten. Bei jeder Gelegenheit zeigt der ungewöhnliche Gesellschafter akrobatische Kunststücke, klettert eines Tages gar auf den 50 Meter hohen Schornstein einer nahegelegenen Fabrik und führt auf dessen Rand einen Handstand vor.

Budapest als Zufluchtsort für die ganze Familie Wettach.
Auch wenn er das sorgenfreie Leben bei der Familie Bethlen geniesst, länger als zwei Jahre hält es Adrien beim ungarischen Adel nicht aus. Danach zieht es ihn in die Hauptstadt Budapest, in der seit kurzem seine ganze Familie lebt. Der Vater zog seinen ewigen Pleiten das Exil vor und hat hier 1898 eine Stelle in einer Uhrenfabrik angenommen. Die Mutter arbeitet als Apothekergehilfin, die Schwestern Fanny und Cécile leben bei fremden Familien. Seine erste Arbeit in Budapest findet Adrien beim Instrumentenbauer und -händler Sternberg, wo er Klaviere stimmen und reparieren lernt. Ein halbes Jahr später wird er als Violinist in einem Schrammel-Quartett engagiert.


© Raymond Naef, Switzerland