DAS LEBEN IN DER MANEGE (1900 bis 1911)


Endlich als Clown beim ungarischen Zirkus.
Nach einem Konzert des Schrammel-Quartetts wird Adrien von einem gewissen Alfred Prinz angesprochen, der als Clown einen Partner sucht. Die beiden treten unter dem Namen «Alfrediamos» erstmals in Nagy Farod auf, aber die Tournee ist nicht von langer Dauer. Im eisigen Winter 1900 schlägt sich Wettach als Klavierstimmer durch und tingelt anschliessend durch verschiedene Etablissements von Belgrad bis Konstantinopel. Zurück in Budapest wird er vom Zirkus Krateily engagiert, aber 1902 von Alfred Prinz sitzen gelassen, da dieser heiraten und künftig lieber mit seiner Frau arbeiten will. Als ihn auch sein nächster Partner mitten in einer Deutschland-Tournee verlässt, bewirbt sich Adrien auf eine Anzeige: «Junger Mann, der Geige spielen und springen kann, für musikalische Clown-Nummer gesucht.»

Als musizierender Spassmacher und Akrobat in Frankreich.
Der Zirkus Bureau schickt ihm auf seine Bewerbung hin sogleich das Reisegeld nach Lyon. Dort geht es mit Achille Conche in die Manege, wo sie Geige spielen und dazu akrobatische Kunststücke zeigen. Wettach muss bald feststellen, dass Conche an einer Hirnkrankheit leidet. Nach einem von seinem Partner verursachten Sturz wechselt er zum Zirkus der Gebrüder Barazetta. Im Sommer 1903 lernt er dort Direktor Schmid vom Schweizer National-Zirkus kennenlernt, der ihn gleich engagiert, allerdings nur als Kassier. Doch Adriens Talent als Artist und Akrobat bleibt Direktor Schmid nicht lange verborgen: Er sucht für ihn einen Partner und findet diesen in Marius Galante.

Adrien Wettach wird Grock.
Galante, vorher als Brick zusammen mit dem Spanier Brock erfolgreich, möchte diese Namen behalten. Doch Adrien weigert sich, als «Brock» aufzutreten. Auf der Suche nach etwas Ähnlichem geht er das Alphabet durch und bleibt beim G wie Grock hängen: In der römischen Arena von Nîmes treten «Brick & Grock» am 1. Oktober 1903 erstmals auf. Sie touren durch ganz Europa und Nordafrika, zuerst mit dem National-Zirkus, später mit dem Zirkus Bureau. 1905 haben sie ihr erstes Engagement im Pariser Zirkus «Medrano», für Artisten eine der besten Adressen der Welt. 1906 reisen sie nach Buenos Aires und lernen dort die beiden Star-Clowns Antonet & little Walter kennen. Der berühmte Antonet zeigt sich von Grocks akrobatischen und musikalischen Einlagen stark beeindruckt.

Antonet, Grocks grosser Lehrmeister.
Nachdem Brick und Grock, aber auch Antonet und little Walter getrennte Wege gehen, treffen sich Grock und Antonet in Marseille, wo sie sich gleich an die Arbeit machen: Antonet, aus einer italienischen Artistenfamilie stammend, spielt den weissen Clown als Figur des Rationalen und Seriösen, Grock als August ist das Symbol für das Irrationale und Verspielte. Viele Nummern kommen noch aus Antonets Fundus mit littele Walter, doch nach und nach entwickeln sie neue Elemente. Schon ihr erster gemeinsamer Auftritt in Marseille ist ein grosser Erfolg. Ein gutes Omen für die bevorstehende Tournee in Spanien: auch dort, in einem der Ursprungsländer der Clownkunst, jubelt ihnen das Publikum zu.

Viele Liebschaften, eine echte Freundschaft.
Grock ist ein berüchtigter Schürzenjäger, aber keine Romanze ist von Dauer. Denn immer geht die Reise weiter, in eine andere Stadt, vor ein anderes Publikum. Im Herbst 1907 verliebt er sich während einer Südamerika-Tournee in Inès Della Casa, eine erst 17-jährige italienische Sängerin. Eine Episode, die besonders turbulent endet, weil die blutjunge Schöne von ihren Eltern bereits einem älteren Artisten angeheiratet worden war. Kurz danach lernt Adrien jedoch die Artistin Louise Bullot aus Paris kennen. Von nun an sind die kleine, mollige und humorvolle «Loulou» und Grock unzertrennlich.

Mit Grocks Erfolg wächst auch sein Vermögen.
Grock entwickelt sich zum cleveren Geschäftsmann, der mit den Zirkusdirektoren hart verhandelt und mehr und mehr Gage verlangt. So kann er 1909 als erster Artist in Paris ein Automobil der Marke ÐGrégoireð kaufen. Es kostet ein Vermögen, eignet sich aber besonders gut, um Eindruck zu machen. Er kann sich auch die Erfüllung eines anderen Traums leisten: Für seine Eltern, die nun allein und in immer noch sehr bescheidenen Verhältnissen in Biel leben, erwirbt er ein Haus in Parc Saint-Maur, einem Pariser Vorort. Dort kommt er für ihren Unterhalt auf und besucht sie häufig.



© Raymond Naef, Switzerland