INS VARIETE UND MUSIC-HALL (1911 bis 1918)


Varietés und Music-Halls machen dem Zirkus Konkurrenz.
Neue Unterhaltungstheater, in denen das Publikum ein vielfältiges Programm «Revue» passieren lässt, schiessen überall wie Pilze aus dem Boden. In Frankreich heissen sie Varietés, in England Music-Halls, und wer dort auftritt und Erfolg hat, kann sehr viel Geld verdienen. Grock will beweisen, dass sie sich als Clowns auch im Varieté durchsetzen können, Antonet jedoch möchte das Zirkuszelt nicht verlassen. Doch als die beiden das fantastische Angebot erhalten, für 200 Reichsmark am Tag im Berliner Varieté-Theater «Wintergarten» aufzutreten, wird selbst Antonet schwach und unterschreibt.

Das Fiasko im Berliner «Wintergarten».
Für die Premiere am 15. August 1911 ist der Saal ausverkauft. Alle wollen den ersten Auftritt von Antonet & Grock im Varieté miterleben. Doch ihre Nummer mit der Kurbel am Klavier und dem rosaroten Frauenkorsett wirkt im Varieté plump und lässt das grossstädtische Publikum völlig kalt. Als der Vorhang fällt, erhebt sich nicht eine Hand zum Applaus! In der Garderobe brechen sie in Tränen aus, ihr Impresario Marinelli tobt. Die Umstellung vom Zirkus zum Varieté ist Antonet & Grock fürs erste gründlich misslungen, sodass sie unter der Regie von Grock ihr Programm ganz umstellen. Das lohnt sich: Nach einem Monat sind sie im «Wintergarten» die Attraktion.

Wieder Krach, Prügelei und Trennung.
Grock hat jetzt das Sagen, und Antonet erträgt schlecht, dass er nur noch die zweite Geige spielt. Die Stimmung zwischen ihnen wird zunehmend trüber: Nach einem Streit, bei dem sie erstmals ihre Trennung erwägen, arbeitet Antonet so desinteressiert, dass ihre Nummer darunter zu leiden beginnt. Ein weiterer Zwist bringt die tickende Bombe endgültig zur Explosion, über Antonet bricht die «Wettach-Wut» herein, wie Grock selber seinen Jähzorn nennt. Zwei, drei Schläge des Box-Talents Grock strecken Antonet in der Garderobe nieder. Von diesem Tag an sprechen die zwei kein Wort mehr miteinander, erst beim endgültigen Abschied versöhnen sie sich wieder.

Lolé, ein Partner in Frack und Zylinder.
In Paris trifft Grock bald darauf Geo Lolé wieder, einen französischen Komiker, Musiker und Akrobaten, den er seinerzeit in Buenos Aires kennengelernt hatte. 1913 wird Lolé Grocks erster Angestellter und neuer Partner. Ihr Programm enthält die Rosinen von Grock & Antonet, dazu studieren sie einen Monat lang eine neue Nummer ein; in den Grundzügen ist es die, welche Grock später berühmt machen wird. Sie vereint alle Facetten des Spassmachers: Die Derbheit und das Verspielte des Augusts mit der Zartheit, Virtuosität und Eleganz des weissen Clowns. Grock ist der stolpernde Tollpatsch, der im nächsten Augenblick die Gesetze der Schwerkraft überwindet. Sein Partner Lolé verkörpert als Conférencier das Seriöse und wird immer mehr reiner Stichwortlieferant.

Erster Weltkrieg und Heirat.
Der Erfolg der Tournee von Grock & Lolé, die im Oktober 1913 in Kopenhagen startet und anschliessend durch Deutschland, Ungarn und Österreich führt, ist überwältigend. 1914 erhält Grock ein Engagement für verschiedene Auftritte im Russland der Zaren, in Moskau, St. Petersburg und Riga. Dort werden sie vom Ausbruch des ersten Weltkriegs überrascht, die Heimreise wird für Lolé, Grock und Loulou zur monatelangen Odyssee: Lolé reist nach Schweden, Grock heiratet im August in Kopenhagen und verschafft so Loulou einen Schweizerpass, damit sie durch Deutschland nach Biel zurück-kehren kann. Im Herbst reist das Paar zu den Eltern Wettach nach Paris.

Max van Embden, ein junger, talentierter Partner.
Ab Weihnachten 1914 kann Grock wieder auftreten, zuerst im Pariser «Olympia», danach in der französischen Provinz. Der Krieg im Norden Frankreichs fordert immer mehr Opfer, und niemand weiss, wann und wie er enden wird. Da kommt Grock ein Engagement im ÐColiseumð in London, der grössten Music Hall der Welt, sehr gelegen. Sein neuer Impresario Percy Riess hat es vermittelt, und ­ obwohl nur im Vorprogramm ­ wird es gleich ein voller Erfolg. Als Partner verpflichtet Grock den 21-jährigen Holländer Max van Embden. Dieser begabte Violinist unterstützt den Clown grossartig. Grock und Max begeistern auf ihrer ersten Tournee durch England und Schottland das kühle, britische Publikum auf Anhieb.

Komponist und Teilhaber eines Musikverlags.
Als leidenschaftlicher Komponist schreibt Grock fast alle Lieder, die er und sein Partner auf der Bühne spielen, selbst. Max hilft ihm beim Aufschreiben der Melodien. Viele von Grocks Songs werden bald von berühmten englischen Stars interpretiert. 1916 gründet er mit dem Musiker Leon Silbermann den Musikverlag «L. Silbermann und A. Grock», der schon nach einem Jahr zu den grössten Londons zählt. Seine Schwester Jeanne lässt er als Verlagsangestellte aus Paris kommen. Sie verlässt London ein Jahr später, um Grocks ehemaligen Partner Geo Lolé zu heiraten, der als Soldat an der französischen Front steht.



© Raymond Naef, Switzerland